Heimat (2008)

Dramolette von Thomas Bernhard

Junge Frauen, ein Autounfall, ein gesunder Mensch, ein agiler Bergsteiger, ein menschenfreundlicher Mensch, junge türkische Autofahrer, ein Toter, der Weihnachtsmann und Hakenkreuzplakate sind die Ingredienzien für einen heimatlichen Abend, an dem alle Menschen ihr Herz wieder am rechten Fleck tragen.
Kurz nach der Nationalratswahl 2008 bei der das „nationale Lager“ bei den unter Dreißigjährigen zur stärksten Kraft mutierte, hat sich das aktionstheater ensemble dieser Entwicklung theatralisch angenommen.
Die Thomas Bernhard Dramolette „A Doda“ und „Maiandacht“ (in: Der deutsche Mittagstisch, Frankfurt/Main, Suhrkamp, 1987), in welchen ursprünglich zwei weibliche Alt-Nazis agierten, wurden für die aktionstheater ensemble Fassung “Heimat“ ins Heute geholt und dabei die Untiefen und Fallhöhen der Bernhard’schen Sprache ausgelotet: Getrieben bis zur Vokaldichtung und choreografisch erweitert.

Besetzung

Regie: Martin Gruber
Text: Thomas Bernhard
Dramaturgie und Produktion: Martin Ojster
Musik: Stephan Sperlich
Bühne: Abdul Sharif Baruwa
Regieassistenz: Lukas Czech
Rechte: Suhrkamp Verlag
Mit: Martina Ambach (Salzburgerin), Kirstin Schwab (Steirerin), Lukas Czech (Hupfjunge) und Stephan Sperlich, Abdul Sharif Baruwa, Martin Ojster (Weihnachtsmänner)

Presse (Auswahl)

„Das aktionstheater ensemble holt zwei Bernhard Dramolette ins Heute. Der farbenfroh-sportive Look verdeutlicht, dass die Akzeptanz von Naziwerbung und das Wettern von „Gsindel“ nicht mit der Generation Gamsbart hinüber ist. Es schlägt die Stunde des Fun-Faschismus. Regisseur Martin Gruber treibt den Text in rhythmisierte Loops und in Richtung Vokaldichtung. Martina Ambach und Kirstin Schwab übersteigern den Dialekt und haben auch gestisch keinen Genierer … Grandios frech wird dem tödlich verunglückten Herrn Geißrathner als Lebensmensch nachgeheult.“ (Petra Nachbauer, Der Standard)

„Zwei Dramolette von Thomas Bernhard. „Heimat“ mit Gefühl und Engagement gespielt. Zum 20. Todestag von Thomas Bernhard hat das Burgtheater im Februar seine Dramolette gespielt – mit gnadenloser Präzision. Nun sind auch in Hubsi Kramars kleinem Off-Theater im dritten Bezirk zwei Gemmen des gemeinen Österreichertums zu sehen mit beachtlichem Erfolg des „aktionstheater ensembles“ …. In breitem salzburgischen und steirischen Dialekt sezieren Martina Ambach und Kirstin Schwab die beiden Texte „A Doda“ und „Maiandacht“, in schwungvollem Rhythmus und sehr musikalisch. Regisseur Martin Gruber lässt die einprägsamsten Passagen mehrmals wiederholen, und einige Nebendarsteller tanzen zur fetzigen Musik von Stephan Sperlich … Beinahe surreal wird die Szene auf der fast leeren Bühne (Abdul Sharif Baruwa), wenn die zwei Frauen vor einer vier Meter langen zusammengerollten Gummimatte stehen und mutmaßen, dass unter diesem „Packpapier“ ein toter Mann liege. Es sind jedoch Plakate mit Hakenkreuzen, die die beiden nach einem kurzen Schrecken aufkleben gehen wollen. Lustvoll verbindet Ambach Bösartigkeit mit Geilheit, Schwab steuert mit extremen Grimassen und urigen Tönen auch noch ein Quäntchen Dummheit bei.“ (Norbert Mayer / die Presse)

„Damit dabei (Burgtheatermimen nehmen sich beispielsweise immer wieder der Bernard Stücke an) nicht die trügerische Ansicht aufkommt, es handle sich nur um die Portraits jener Altnazis, die irgendwann nicht mehr gefährlich sein können, ist es gut, wenn sich Ensembles wie das Aktionstheater darum kümmern. Die jungen Schauspielerinnen machen dabei so unmissverständlich klar, wie aktuell diese Auseinandersetzung mit faschistoidem Gedankengut ist, dass einem bei aller Komik das Grausen kommt. Ein Gesamtkunstwerk…ungemein humorvoll, bei aller Komik aber messerscharf.“ (Christa Dietrich, Vorarlberger Nachrichten)

„Sprachlich ist es das Stilmittel der Wiederholung, das jedes Gesagte verstärkt, das geschwätzige Reden imitiert, übersteigert und damit erst zur Geltung bringt. Martin Gruber versteht es ausgezeichnet, den Bernhardschen Stoff in die Gegenwart zu transferieren und spart auch nicht mit aktuellen politischen Details.“ (Daniel Furxer, Neue Vorarlberger Tageszeitung)